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Konflikte als Erfahrungsraum: Ein systemischer Weg zu Konfliktkompetenz und resonanzfähiger Kommunikation

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    info7463276
  • 5. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Wie Haltung, Selbstregulation und professionelle Ansprache Wirksamkeit entfalten


Konflikte entstehen selten durch Fakten. Sie entstehen dort, wo Gefühle das Denken färben. Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi hat mit seiner Theorie der Affektlogik ein Modell geschaffen, das erklärt, warum Menschen in Stress‑ und Konfliktsituationen so reagieren, wie sie reagieren — und wie wir diese Dynamiken deeskalierend beeinflussen können. Sein Ansatz verbindet Neurobiologie, Psychologie und soziale Dynamiken zu einer Erkenntnis, die für die Praxis enorm entlastend ist:  Es gibt kein affektfreies Denken.


Affektlogik: Denken und Fühlen als Einheit


Ciompis zentrale Aussage ist ebenso einfach wie tiefgreifend:  Gefühle organisieren das Denken — nicht umgekehrt. Affekte beeinflussen:


  • Wahrnehmung  

  • Aufmerksamkeit  

  • Gedächtnis  

  • Logik  

  • Interpretation  


Sie wirken wie ein emotionaler Filter, der bestimmt, wie wir Situationen deuten und welche Bedeutung wir ihnen geben. Damit wird klar:  Konflikte eskalieren nicht wegen der Inhalte, sondern wegen der affektiven Dynamik dahinter.


Gefühl oder Affekt? – Eine wichtige Unterscheidung


In der Praxis ist es hilfreich, zwischen Gefühl und Affekt zu unterscheiden:


  • Das Gefühl ist das, was wir bewusst wahrnehmen und benennen können:  „Ich bin wütend", „Ich fühle mich verletzt", „Ich bin unsicher."

  • Der Affekt ist der dahinterliegende energetische Zustand, der unser Denken färbt — oft unbewusst, schnell und automatisch.  

 

Er bestimmt, worauf wir achten, wie wir interpretieren und welche Bedeutung wir Situationen geben. Man kann es so zusammenfassen:

  • Der Affekt kommt zuerst.  

  • Das Gefühl macht ihn spürbar.  

  • Die Bewertung entsteht aus dem Denken, das bereits affektlogisch gefiltert ist.


Diese Unterscheidung ist zentral, um Konfliktdynamiken zu verstehen — und um sie professionell zu beruhigen.


Warum Konflikte affektlogisch eskalieren


Steigen Affekte, verändert sich das Denken:


  • Angst verengt den Blick  

  • Wut sucht Schuldige  

  • Scham führt zu Rückzug  

  • Ohnmacht erzeugt Kontrolle  


Diese Reaktionen sind nicht irrational — sie folgen der inneren Logik des jeweiligen Affekts.  In solchen Momenten verlieren Argumente ihre Wirkung. Menschen hören weniger, interpretieren stärker und reagieren impulsiver. Deeskalation gelingt daher nicht über Inhalte, sondern über die affektive Ebene.


Deeskalation beginnt mit Affektwahrnehmung - Wer affektlogische Muster erkennt, kann frühzeitig gegensteuern.  


Wirksam sind vor allem:

  • Resonanz 

  • Verlangsamung  

  • Komplexitätsreduktion  

  • Stabilisierung  


Diese Interventionen beruhigen das emotionale System — und erst dann wird Denken wieder zugänglich.


Warum unser Lösungsraum im Affekt schrumpft


Affektlogisch betrachtet verengt sich unser innerer Lösungsraum, sobald starke Gefühle das Denken dominieren.  Im Affekt stehen uns nur wenige, oft automatische Reaktionsmuster zur Verfügung — Kampf, Flucht, Rückzug, Kontrolle. Das ist kein persönliches Versagen, sondern ein neurobiologisch sinnvolles Schutzprogramm.


Erst wenn der Affekt sinkt, wird der präfrontale Kortex wieder zugänglich. Dann können wir:


  • differenzieren  

  • Perspektiven wechseln  

  • Optionen prüfen  

  • Zusammenhänge erkennen  


Reflexion erweitert den Lösungsraum.  Sie schafft Abstand zum unmittelbaren Gefühl und ermöglicht es, wieder handlungsfähig zu werden.



Hier berührt sich Affektlogik mit systemischem Denken:  


Systemisches Arbeiten bedeutet, den Blick zu weiten — von der unmittelbaren Reaktion hin zu Kontext, Mustern, Wechselwirkungen und Möglichkeiten. Wo Affektlogik erklärt, warum unser Denken sich verengt, zeigt systemisches Denken, wie wir es wieder öffnen können.


Affektlogische Zustände im Alltag erkennen – und passend intervenieren


Hinweis:


Die folgende Beschreibung orientiert sich an Ciompis Theorie. Sie ist kein Diagnosetool, sondern ein praxisnahes Arbeitsinstrument für Beratung, Coaching, Führung, Behörden und Teamprozesse. Die Einteilung dient dazu, affektive Dynamiken sichtbar, verständlich und handhabbar zu machen — im Sinne der affektlogischen Grundannahme, dass jedes Verhalten einen guten inneren Grund hat.


Neutrale Grundstimmung

Menschen sind ruhig, klar und ansprechbar. Wirksame Interventionen:  

  • Struktur geben  

  • Transparenz schaffen  

  • Ressourcen sichtbar machen  

  • Ziele klären  

  • Offene Fragen stellen  


Erste Irritation

Leichte Anspannung, erste emotionale Färbung. Wirksame Interventionen:  

  • Tempo reduzieren  

  • Missverständnisse klären  

  • Orientierung geben  

  • Validieren  

  • Mini‑Pausen einbauen  


Affektlogische Färbung

Der Affekt bestimmt die Wahrnehmung. Tunnelblick entsteht. Wirksame Interventionen:  

  • Resonanz geben  

  • Komplexität reduzieren  

  • Struktur anbieten  

  • Affekt spiegeln  

  • Sicherheit vermitteln  


Eskalation

Starke emotionale Aktivierung, impulsives Verhalten. Wirksame Interventionen:  


  • Ruhige, tiefe Stimme  

  • Klare Grenzen  

  • Gesprächsunterbrechung  

  • Verbale Deeskalation über Verbale und Nonverbale Signale


Affektlogischer Zusammenbruch

Überwältigung, Kontrollverlust, Weinen, Erstarren. Wirksame Interventionen:  

  • Sofortige Stabilisierung  

  • Reizreduktion  

  • Körperliche Orientierung  

  • Keine Inhalte  

  • Gespräch später fortsetzen  


Der systemische Kern: Jedes Verhalten ergibt Sinn – affektlogisch betrachtet


Ein zentraler Gedanke der systemischen Haltung lautet:  Jedes Verhalten ergibt Sinn, wenn wir den inneren Zustand und den Kontext verstehen.


Affekte sind immer eine Antwort auf etwas:

  • Überforderung  

  • Bedrohung  

  • Scham  

  • Kontrollverlust  

  • Unsicherheit  

  • fehlende Orientierung  

  • frühere Erfahrungen  

  • soziale Dynamiken  


Denn....

  • Wut schützt vor Ohnmacht.  

  • Rückzug schützt vor Scham.  

  • Lautstärke schützt vor Kontrollverlust.  

  • Misstrauen schützt vor Enttäuschung.


Nichts davon ist irrational — es ist affektlogisch sinnvoll.


Ciompi systemisch gedacht: Warum sein Ansatz revolutionär ist


Ciompi denkt den Menschen als bio‑psycho‑soziales Gesamtsystem. Affekte sind körperlich verankert, psychisch wirksam und sozial geprägt.  Konflikte entstehen im Zusammenspiel von Person, Situation und System.


Er zeigt:  

  • Affekte organisieren das Denken — nicht umgekehrt.

  • Kommunikation ist daher vor allem ein affektiver Prozess:  

  • Tonfall, Tempo und Resonanz wirken stärker als Inhalte.


Das evolutionäre Schnellprogramm: Warum unser Warnsystem so schnell anspringt


In jedem Menschen läuft ein uraltes Programm mit: die unmittelbare Situationsbewertung.  Sie ist:

  • hochsensitiv  

  • unspezifisch  

  • schnell  

  • automatisch  


Evolutionär war ein Fehlalarm harmlos — ein übersehenes Risiko dagegen tödlich. Deshalb schlägt unser affektlogisches System an, sobald etwas:


  • unklar  

  • bedrohlich  

  • beschämend  

  • unvorhersehbar  

  • sozial riskant  

wirkt.


Kurz und Prignant bedeutet dies:


  • Affekte reagieren sofort

  • Denken sortiert erst später

  • Fehlalarme sind normal — und funktional


Meine professionelle Begleitung



Theoriegeleitet. Praxisnah. Systemisch fundiert.  Im Dialog statt Duell.


In meiner Arbeit begleite ich Teams, Führungskräfte und Ratsuchende dabei,


  • affektlogische Muster zu erkennen  

  • systemisch breiter zu handeln  

  • Konflikte früher zu verstehen  

  • deeskalierend zu kommunizieren  

  • emotionale Dynamiken professionell zu steuern  


Melden Sie sich gern über das Kontaktformular bei mir.

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